Kennen wir uns mein Kind? Gesichtssblindheit im Alltag einer Mutter!


Das es mir schwer fällt, andere Leute zu erkennen, ist mir schon als Kind aufgefallen.

Anfangs schob ich das Ganze auf die Tatsache, dass ich bis zu meinem 18. Lebensjahr im Schnitt alle 3 Jahre umziehen musste. Ich sah meine Unfähigkeit, Menschen wieder zuerkennen, als eine Art Selbstschutz an, der eintrat, da es sich aus meiner Erfahrung heraus nicht lohnte mir Menschen und Gesichter zu merken. Denn kaum hatte ich das getan, zog ich schon wieder um.

Tatsächlich dachte ich noch bis zu meinem Studium, dass es total normal sei die meisten Menschen erst nach einer gewissen Zeit sicher zu erkennen.

Doch dann grüßte mich im 3. Semester ein junger Mann, den ich überhaupt nicht zuordnen konnte. Und ich fragte mich fieberhaft, woher ich ihn kannte.

Erst nach mehrmaligen Begegnungen im Treppenhaus, erkannte ich ihn schließlich auch auf dem Campus als meinen Nachbarn, mit dem ich mich schon 100 Male unterhalten hatte! Ich erkannte ihn aber nicht an seinem Gesicht, sondern an seiner kleinen Tochter, die er an diesem Tag mit in die Fachhochschule nahm!

Was zunächst eher lustig und vielleicht ein bisschen schrullig klingt, hatte für mich weitreichende Folgen. Denn mit der Erkenntnis, dass ich einen Menschen, den ich seit Jahren aus der Nachbarschaft kenne, in einem anderen Kontext nicht zuordnen kann, trat auch plötzlich eine riesen Unsicherheit in mein Leben!

Auf einmal konnte ich nicht mehr unbeschwert eine Straße hinunterlaufen, ohne mich ständig zu fragen, ob ich die Passanten, die an mir vorübergingen, grüßen müsste.

Mit der Zeit entwickelte ich Strategien, um Menschen schneller und besser zuordnen zu können.

Hatten sie irgendwelche auffälligen Merkmale, wie Leberflecken, Ohrringe oder bunte Harre, ging es leicht. Bei den meisten jedoch dauerte es eine ganze Zeit, bis ich sie sicher wiedererkennen konnte – oft wurde ich deswegen für arrogant oder ignorant gehalten.

Nachdem meine Tochter, „das Zicklein“,  geboren wurde, hatte ich furchtbare Angst sie im Krankenhaus in fremde Obhut zu geben, weil ich befürchtete, sie könnte vertauscht werden und ich würde es vielleicht nicht merken.

Glücklicherweise kamen meine beiden Kinder sofort mit sehr eindeutigen Erkennungszeichen im Gesicht auf die Welt, was es mir sofort leichter machte und mir mehr Sicherheit gab.

Die intensive Nähe und Liebe tat ihr übriges. Meine Kinder und andere nahestehende Personen erkenne ich auch blind!

Bei Freunden meiner Tochter und deren Eltern ist das leider nicht mehr so einfach. Gerade, wenn ich sie nur aus dem Kitakontext her kenne. So kam es z.B. einmal zu der Situation, dass wir eine Freundin des Zickleins zum ersten Mal mit nach Hause nehmen sollten. Ich kam in die Kita, um die Kinder abzuholen.

Das Zicklein stand draußen im Garten neben einem Mädchen aus ihrer Gruppe. Ich unterhielt mich mit dem Mädchen und forderte sie dann zum Gehen auf. Sie schaute mich mit riesengroßen Augen an und fragte: „Darf ich heute mit zu Euch?“ Ich bejahte. Da mischte sich plötzlich ein anderes Mädchen ein und fragte mich, mit Tränen in den Augen, warum wir denn jetzt auf einmal nicht mehr sie mitnehmen würden! Und auch die Erzieherin sah mich ganz verständnislos an.

Peinlich! Ich hatte die Mädels miteinander verwechselt, und das, obwohl meine Tochter schon seit Monaten in diese Kita ging!

Kann sicherlich mal passieren, war aber leider nicht der einzige Fauxpas. Ich grüße auch Eltern aus der Kita nicht, wenn ich sie beim Einkaufen treffe, und werde dann am nächsten Tag gefragt, ob ich irgendwie sauer wegen irgendetwas wäre. Oder werde in der Kita plötzlich selber nicht mehr gegrüßt. Das wirkt sich natürlich indirekt auch auf die Freundschaften und Spielverabredungen meiner Tochter aus.

In meinem Job habe ich gelernt, mich stärker auf bestimmte Verhaltensweisen, Erkennungsmerkmale und Stimmen zu konzentrieren, um die Menschen besser zuordnen zu können. Das verlangt allerdings sehr viel Konzentration und Energie ab, die mir in meiner Freizeit schlichtweg fehlt. Und durch die Kinder sind in meinem privaten Umfeld die Kontakte so stark gestiegen, dass es für mich einfach unmöglich geworden ist, mir alle Menschen schnell einzuprägen. Es passiert eben nicht einfach nebenbei, wie bei anderen, sondern bedarf großer Anstrengung.

Heute wünschte ich mir, ich hätte als Kind schon gewusst, dass ich an dieser angeborenen Teilleistungsschwäche leide.

Dann wäre ich vielleicht geübter darin, mir Menschen auf eine andere Art einzuprägen. Doch obwohl schätzungsweise 2% aller Menschen mit Prosopagnosie leben, ist das Bewusstsein für dieses Störungsbild in der Gesellschaft kaum verbreitet und viele wissen selbst gar nicht, dass sie „gesichtsblind“ sind.

In meiner Praxis als Sozialpädagogin habe ich außerdem schon erlebt, dass Prosopagnosie bei Kindern mit Autismus verwechselt wurde. Und das ist nicht verwunderlich, denn viele Anzeichen, die bei autistischen Kindern wahrgenommen werden, treffen auch bei Kindern mit Prosopagnosie zu.

Zum Beispielkönnen diese Kinder besondere Schwierigkeiten haben sich in eine Gruppe zu integrieren, da sie ihre Spielkameraden einfach nicht erkennen und das zu Unsicherheiten führt, ohne, dass ihnen das wirklich bewusst ist.

Zudem benötigen diese Kinder oft auch einen sicheren Rahmen und fühlen sich in neuen, ungewohnten Situationen unwohl, in denen sie fremden oder weniger vertrauten Menschen begegnen. Auch Veranstaltungen mit vielen Menschen, wie z.B. Feste, Rummel oder Konzerte, können zum Problem werden und diese Kinder klammern sich dann besonders an ihre Bezugspersonen, um sie unter all den unbekannten Gesichtern nicht zu verlieren.

Genauso fällt es Menschen mit Prosopagnosie oft schwer im Gespräch den Augenkontakt zu halten und sie werden als unkonzentriert oder träumend wahrgenommen und der fehlende Blickkontakt, von Erwachsenen und Kindern, als Desinteresse  beurteilt.

Mir selbst ist es außerdem schon passiert, dass ich mich so sehr darauf konzentriert habe mir mein Gegenüber irgendwie einzuprägen, dass ich unseren Gesprächsinhalt gar nicht mehr richtig auffassen konnte und hinterher immer wieder nachfragen musste beziehungsweise sofort wieder vergessen habe, worüber wir gerade sprachen. Natürlich haben viele dann das Empfinden, dass es mich nicht interessiert oder ich vielleicht auch ein bisschen dumm bin!

Dabei habe ich eigentlich ein gutes Gedächtnis.

Mit Posopagnosie zu leben ist nicht immer ganz einfach. Besonders nicht als Mutter oder Vater. In der Regel merken die meisten Menschen aber nichts davon. Ich bin dadurch ein ziemlich schlechter Smaltalker, kaschiere meine Unsicherheit aber oft damit, dass ich möglichst über Unverfängliches spreche und darauf warte, dass mein Gegenüber mir irgendwelche Hinweise auf seinen Identität gibt.

Wie gesagt, bin ich mittlerweile aber auch schon ganz gut darin, mir andere markante Merkmale einzuprägen und so kann ich viele Menschen auch schneller an ihrem Gesicht wiedererkennen. Und glücklicherweise sind die meisten auch recht locker im Umgang damit, wenn ich offen darüber spreche.

Falls ich, oder eine andere Person aus Eurem Umfeld, also mal grußlos an Euch vorbeigehen sollte, steckt vielleicht viel mehr dahinter, als auf den ersten Blick zu erkennen ist 😉

Wer bei sich oder seinen Kindern ähnliche Anzeichen erkennt, der kann sich übrigens auch online testen:

http://www.bbk.ac.uk/psychology/psychologyexperiments/experiments/facememorytest/startup.php

Liebe Grüße

Eure Lotti

 

 

 

 

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7 comments on “Kennen wir uns mein Kind? Gesichtssblindheit im Alltag einer Mutter!

  1. Verena on said:

    Wie wäre es, wenn du zum Beispiel bei einem Elternabend offen dein Problem ansprichst? Und die Eltern bittest, dass sie dir bei Begegnungen einen kurzen Hinweis geben sollen, wer sie sind. Ich könnte mir vorstellen, dass sich dadurch viel relativieren und entspannen würde… danke jedenfalls für deinen Erfahrungsbericht!!! Ich musste sofort an meinen Mann denken, er hat das glaub ich auch… muss mal mit ihm sprechen, er erkennt total oft Leute nicht, mir fällt es vor allem bei Schauspielern auf!

    • Liebe Verena,

      vielen Dank für Deinen Kommentar! tatsächlich versuche ich das Thema oft schon so früh wie möglich in das Gespräch mit einfließen zu lassen. Allerdings ist das nicht immer so einfach und passend. Man unterhält sich ja auch nicht immer mit allen Eltern, sondern trifft sie eben nur in der Kita (wo man natürlich grüßt) und dann eben wieder beim Einkauf etc.

      Aber es stimmt schon, wenn es erst einmal zur Sprache kommt, dann reagieren die meisten sehr verständnisvoll! Bei manchen denke ich aber auch, dass sie mir nicht wirklich glauben oder sich das nicht vorstellen können 😀

      Wie bereits geschrieben, lebt es sich damit aber trotzdem ziemlich normal und vielen fällt es gar nicht auf.

      Mit Schauspielern geht es mir ebenso. Es gibt ja sehr unterschiedlich starke Ausprägungen. Wer weiß, vielleicht ist Dein Mann tatsächlich ebenfalls betroffen.
      Wenn er bewusst darauf achtet, wird er es sicher merken.

      Liebe Grüße
      Lotti

  2. Ich finde den Vorschlag von Verena toll, ich glaube auch, dass ein offener Umgang mit deinem Problem vieles leichter machen würde, sowohl für dich als auch für andere. Und wenn jemand auf dich zukommt und dich grüßt und dir sagt „Hey, ich bin’s, Laura aus dem Yogakurs.“ dann ist das keine große Sache, und es macht’s für alle leichter 🙂

  3. Cili on said:

    Wahnsinn, was das doch für einen Rattenschwanz mit sich zieht. Man hört es ja öfter mal, das jemand so etwas sagt,aber ist sich eigentlich gar nicht so bewusst, was für Auswirkungen das haben kann.
    Danke nochmal für das aufmerksam machen!

    • Hi Cili,

      tatsächlich habe ich bisher noch niemanden getroffen, der das von sich auch sagt! Irre, dass Du das schon öfter gehört hast.
      Ich finde es besonders wichtig, dass man bei Kindern dafür sensibilisiert ist. Wie gesagt, wird daran bei bestimmten Problemen so gut wie nie gedacht und andere Vermutungen gestellt.
      Aber wie gesagt, es lebt sich damit relativ normal, ist nur einfach oft anstrengend ☺

      Liebe Grüße
      Lotti

  4. Antje aus Ostfriesland on said:

    Danke Lotti für deine Offenheit. Und danke das du das Thema mit uns teilst… Du hast einen noch mal sensibel gemacht/ich werde es wieder mehr im Hintetkopf haben…

  5. Silke on said:

    Oh, das wusste ich gar nicht. Dabei kann ich mich an ein Mal erinnern, als DU zu MIR sagtest, du wärst auf der Straße grüßend an mir vorbeigegangen und ich hätte dich nicht gesehen. Das ist vielleicht etwas anderes, aber mir geht es wirklich auch so, dass ich in einem anderen Kontext (Kita-Eltern im Supermarkt) die Menschen schlicht übersehe. Wenn ich höre, dass ich gegrüßt werde und mir die Personen dann anschaue, erkenne ich sie zwar meist, aber mein Blick würde von sich aus nie bei den Personen stehen bleiben, da ich einfach nicht damit rechne, sie zu sehen.

    Und ich bin etwas beruhigt, dass es nicht nur mir so geht, auch wenn es nicht so ausgeprägt ist wie bei dir. Ich spreche die Kinder in der Kita ganz oft mit falschem Namen an. Schüchterne Kinder berichtigen mich nicht, das macht dann mein eigenes Kind. Aber es gibt auch Situationen, wo ich verärgert darauf hingewiesen werde: „Ich bin nicht Mika!“ Als ich das meinem Mann erzählte und lapidar meinte: „Die sehen aber auch gleich aus!“ (genauso wie EINIGE andere Kinder aus der Kita, nebenbei bemerkt), meinte mein Mann nur: „Nee, überhaupt nicht!“ Hmmmmm … Ich habe mir daher angewöhnt, mein Kind oder die Erzieherin nach den Namen der Kinder zu fragen, denn wie du MÖCHTE ich sie ja erkennen.

    Es ist schön, dass du drüber sprichst und viele Personen so dafür sensibilisierst. Man ist viel zu oft direkt gekränkt und unterstellt dem Gegenüber Böswilligkeit, dabei stimmt es in den meisten Fällen gar nicht.

    Dir alles Liebe :*